Die Funktechnik ist Teil unserer DNA. Es liegt auf der Hand, dass die von der ITU-R erarbeiteten Empfehlungen und Berichte einen direkten Einfluss auf unser Produkt- und Lösungsportfolio haben.
"Uwe Bäder, Director of Public Affairs
04.02.2026
Könnten Sie zunächst kurz Ihre Tätigkeit beschreiben und erläutern, wo die Anknüpfungspunkte zu dieser wichtigen Partnerschaft liegen?
Meine Tätigkeit konzentriert sich auf technische Gremien im Bereich Public Affairs. Ein besonderer Schwerpunkt ist dabei die Frequenz- und Digitalpolitik. Die ITU ist als internationale Institution für die Frequenzregulierung zuständig. Ihre Vollzugsordnung für den Funkdienst wird alle vier Jahre auf der Weltfunkkonferenz (World Radiocommunication Conference, WRC) aktualisiert. An diesem Prozess beteiligen wir uns aktiv, um frühzeitig auf Entwicklungen reagieren zu können, die unsere Lösungen für Regulierungsbehörden oder unser Messtechnikportfolio betreffen. Die WRC bringt unterschiedliche Akteure zusammen, darunter Vertreter aus dem Regulierungsumfeld sowie aus öffentlichen und privaten Organisationen. Ein Alleinstellungsmerkmal der ITU als UN-Organisation ist die Möglichkeit der direkten Beteiligung des Privatsektors als Sektormitglieder – im Unterschied zu anderen Gremien, die auf nationale Verwaltungen beschränkt sind.
Abgesehen von der Teilnahme an großen Konferenzen: Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?
In gewissem Umfang befasse ich mich auch mit Empfehlungen und Berichten, die für die ITU oder andere regionale Organisationen wie die CEPT (Europäische Konferenz der Verwaltungen für Post und Telekommunikation) erarbeitet werden. Ich verfolge zudem, welche Themen in Gremien behandelt werden, an denen wir nicht unmittelbar beteiligt sind, um zu bewerten, was für uns relevant ist und wie sich Entscheidungen auf die Arbeit und die Produkte von Rohde & Schwarz auswirken. Gleichzeitig behalten wir neue Chancen im Blick. Ein aktuelles Beispiel ist der stark wachsende Bereich der Weltraumkommunikation – ein Feld mit großem Potenzial für uns, da wir über einschlägiges Know-how verfügen. Es gibt Anforderungen an geeignete messtechnische Verfahren, aber auch an die Durchsetzung von Satellitenvorschriften.
Rohde & Schwarz blickt auf eine lange Geschichte mit der ITU zurück. Können Sie näher auf deren Bedeutung für das Unternehmen eingehen?
Sie hat enorme Bedeutung für uns. Zunächst ist die ITU in drei Sektoren gegliedert: den Radiocommunication Sector (ITU-R), den Standardization Sector (ITU-T) und den Development Sector (ITU-D). Alle drei Sektoren sind für unsere Arbeit relevant. Die Funktechnik ist Teil unserer DNA. Es liegt auf der Hand, dass die von der ITU-R erarbeiteten Empfehlungen und Berichte einen direkten Einfluss auf unser Produkt- und Lösungsportfolio haben. Auch die Aktivitäten der ITU-D zum Kapazitätsaufbau und zur Förderung digitaler Kompetenzen sind von großer Bedeutung – insbesondere in Ländern, die keinen einfachen Zugang zu diesen Informationen haben. Jedes Land muss die Spektrumnutzung regeln und benötigt dafür fundiertes Fachwissen. Im Rahmen der ITU-D Academy organisieren wir Schulungen zur Spektrumüberwachung.
Die Funktechnik ist Teil unserer DNA. Es liegt auf der Hand, dass die von der ITU-R erarbeiteten Empfehlungen und Berichte einen direkten Einfluss auf unser Produkt- und Lösungsportfolio haben.
"Uwe Bäder, Director of Public Affairs
Diese Kurse dauern in der Regel etwa vier bis fünf Tage, üblicherweise eine Woche. Sie beinhalten umfangreiche theoretische Schulungen zu den Vorschriften, die Sie bei der Spektrumüberwachung einhalten müssen. Auch praktische Aspekte der Spektrummessung werden behandelt. Der Großteil des Unterrichts wird von Rohde & Schwarz entwickelt. Wir laden aber auch Gastredner von Regulierungsbehörden ein – eine wertvolle Bereicherung unserer Schulungen. Wir organisieren diese Beiträge in Zusammenarbeit mit der ITU. Die ITU lädt Teilnehmer zu den von uns veranstalteten Schulungen ein – wir sind ein Inhalteanbieter. Es bleibt nicht bei der Theorie: Die Teilnehmer arbeiten praktisch mit modernster Messtechnik und bearbeiten Aufgaben, wie sie ihnen auch im Arbeitsalltag im Umgang mit Regulierungsbehörden begegnen. Wir integrieren praxisnahe Übungen, etwa zur Störungssuche sowie zur Ortung und Peilung von Funkquellen, die eigentlich nicht senden dürften. Die Teilnehmer wissen das sehr zu schätzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir uns auch vernetzen. In der Regel nehmen etwa 20 bis 30 Personen an einer Schulung teil, und die Gruppe bleibt oft auch danach in Kontakt, um Wissen auszutauschen.
Mit Blick auf Standards: Wie unterstützt Rohde & Schwarz die ITU-T bei der Entwicklung globaler Telekommunikationsstandards?
Standards spielen eine zentrale Rolle für das globale Ökosystem. Das gilt für alle Standardisierungsorganisationen – nicht nur für die ITU-T, sondern ebenso ISO, 3GPP und IEEE. Die ITU-T bringt diese globale Perspektive als einer der Sektoren der International Telecommunication Union bereits konzeptionell mit. Der Fokus liegt auf universeller Konnektivität – es soll sichergestellt werden, dass Geräte interoperabel miteinander kommunizieren können. Und das geht nur mit Standards. Um die Bedeutung dieses Themas zu unterstreichen und künftige Entwicklungen anzustoßen, hat Rohde & Schwarz der ITU vorgeschlagen, das ITU-T CxO Meeting auszurichten. Dass die ITU dieses Angebot angenommen hat, hat uns sehr gefreut. Während dieses Treffens führten wir anregende und konstruktive Gespräche, von denen wir uns wichtige Impulse für künftige Standardisierungsfelder innerhalb der ITU erhoffen.
Könnten Sie näher auf das CxO Meeting eingehen?
Am Treffen nehmen hochrangige Vertreter der ITU-T-Sektormitglieder aus dem Privatsektor teil. Entsprechend thematisiert es hauptsächlich den Privatsektor und bietet einen direkten Kanal zum Direktor der ITU-T. Es gibt einen sehr intensiven Austausch, und die anwesenden Firmenchefs können ihre Sichtweise zu künftigen Standardisierungsthemen, mit denen sich die ITU befassen sollte, unmittelbar zu Gehör bringen. Wir haben Themen wie Satellitenkommunikation und Rechenzentren diskutiert. Und natürlich befasst sich die ITU auch mit digitalen Themen. Sowohl ganzheitlichen KI-Ansätzen als auch Standards für künstliche Intelligenz wird für die künftige Arbeit der ITU-T große Bedeutung beigemessen. Alle Ergebnisse sind offiziell in einem Kommuniqué zu den zentralen Themen zusammengefasst, das von der ITU anschließend als Grundlage für künftige Entscheidungen in den Managementsitzungen der ITU-T herangezogen wird.
Das ITU-T CxO Meeting 2025 fand in der Zentrale von Rohde & Schwarz in München statt
Abseits von Meetings und Konferenzen: Können Sie konkrete Projektbeispiele nennen, bei denen Rohde & Schwarz gemeinsam mit der ITU an Herausforderungen im Telekommunikationsbereich gearbeitet hat?
Gerne. Eine zentrale Aufgabe für Regulierungsbehörden ist es, sicherzustellen, dass Telekommunikationsdienste definierte Anforderungen an QoS und QoE erfüllen. Rohde & Schwarz erarbeitet gemeinsam mit der ITU-T auf Basis ihrer Standards Leistungskennzahlen (KPIs) sowie Methoden für reproduzierbare Messungen. Diese Messungen müssen vergleichbar sein. Für Regulierungsbehörden ist es von zentraler Bedeutung, dass Messungen belastbar und reproduzierbar sind, wenn Standards durchgesetzt werden sollen.
Ein weiteres Beispiel: Derzeit arbeitet die ITU-R an einer neuen Ausgabe des Handbook on Radio Monitoring. Wir freuen uns, mit unserer Expertise zu dieser Arbeit beitragen zu können. Die Frequenzüberwachung muss mit den modernen Herausforderungen der Frequenzverwaltung Schritt halten, um eine effiziente Nutzung des Funkspektrums sicherzustellen. Es ist kein Geheimnis, dass das Funkspektrum immer dichter belegt und stärker ausgelastet ist – unter anderem durch Anwendungen wie Smart Cities und intelligente Messsysteme. Die Ressourcen sind begrenzt, und es gilt sicherzustellen, dass alle diese Anwendungen effizient im HF-Spektrum untergebracht werden können.
Mit Blick nach vorn verfolgen wir die sich wandelnde Sicherheitssituation ebenfalls sehr aufmerksam. Während weiterhin an Quantenschlüsselverteilung (Quantum Key Distribution, QKD) gearbeitet wird – und 2025 das Internationale Jahr der Quantenwissenschaft und -technologie markierte –, liegt eine praktische, breitflächige Einführung noch in einiger Ferne. Die Einsatzmöglichkeiten von Quantencomputern sind äußerst vielfältig. Wir freuen uns, in diesem Bereich mit Partnern wie Zurich Instruments zusammenarbeiten zu können, und bringen unsere Messtechnik-Expertise ein, um mit zunehmender Reife der Standards neue Implementierungen zu validieren und deren Performance zu charakterisieren. Auf der anderen Seite könnte es zu einem künftigen Zeitpunkt gelingen, mit Quantencomputern die heutigen Verschlüsselungsalgorithmen zu brechen. Ein frühzeitiger Übergang zur Post-Quanten-Kryptografie (PQC) ist deswegen geboten.
Welche Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Rohde & Schwarz und der ITU sind mit Blick auf die Zukunft am vielversprechendsten?
Nun, zunächst einmal sollten wir die bereits bestehenden erfolgreichen Kooperationen fortsetzen. So planen wir beispielsweise für 2026 erneut eine Schulung der ITU-D Academy zum Thema „Advances in Spectrum Monitoring“, wie wir sie bereits in der Vergangenheit durchgeführt haben, und rechnen mit einer guten Beteiligung. Es ist wichtig, dass wir diese erfolgreiche Zusammenarbeit fortsetzen, da immer wieder neue technische Herausforderungen entstehen.
Gleichzeitig befassen wir uns auch mit neuen Themenfeldern. Als Beispiel möchte ich die Initiative „Early Warnings for All“ (EW4All) der UN hervorheben. Dies ist ein besonders wichtiges Thema – es geht darum, die Bevölkerung im Fall von Naturkatastrophen zuverlässig zu informieren. Unsere 5G Broadcast-Lösung ließe sich der dritten Säule dieser von der ITU koordinierten Initiative zuordnen, die sich mit der Verbreitung und Übertragung von Warnmeldungen befasst. Sie kann in einen öffentlich verfügbaren Warnmix integriert werden. Der entscheidende Vorteil von 5G Broadcast besteht darin, dass elektronische Endgeräte – etwa Smartphones – über einen Broadcast-Standard erreicht werden. Es besteht bereits eine sehr robuste Broadcast-Infrastruktur.
Aus technischer Sicht lässt sich die Cell-Broadcast-Technologie nutzen, um über eine robuste Infrastruktur alle Mobiltelefone zu erreichen und Warnmeldungen zu verbreiten, die akustische, visuelle und barrierefreie Informationen bieten.
Abschließend: Wie stellt sich Rohde & Schwarz die Zukunft der Telekommunikation in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor, und welche Rolle wird die ITU dabei spielen?
Dazu müsste man in eine Glaskugel blicken können! Aber zweifellos beschäftigen wir uns mit der Entwicklung von 6G – IMT-2030, wie es von der ITU genannt wird. Der Countdown bis zur Verfügbarkeit dieses Diensts läuft. Die ITU hat bereits den Rahmen für 6G entwickelt und die technologischen Leistungskriterien dargelegt.
Wir werden eine weitere Entwicklung hin zu allgegenwärtiger Konnektivität sehen, und künstliche Intelligenz wird eine größere Rolle spielen. Die künftigen Netze werden also KI-nativ sein müssen. Zudem werden die Leistungskennzahlen weiterentwickelt, etwa in Bezug auf Latenz, Datenrate und Spektraleffizienz.
Wichtig ist dabei, dass sich bereits eine stärkere Integration von Satelliten- und terrestrischer Kommunikation abzeichnet und die Netzbetreiber künftig enger zusammenarbeiten müssen. Sollten dann neue Regelwerke erforderlich werden, um diese Entwicklungen abzudecken, wird auf die International Telecommunication Union viel Arbeit zukommen. Die nächste Weltfunkkonferenz im Jahr 2027 ist nicht mehr fern – etwa 70 Prozent der Tagesordnungspunkte betreffen voraussichtlich die Satellitenkonnektivität.